Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Digitaler Produktpass gegen Greenwashing

Daniel Silberhorn

Blockchain-Grafik: GuerrillaBuzz Crypto PR auf Unsplash

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft brauchen Transparenz auf Basis verlĂ€sslicher ESG-Daten (1): Um die Performance nachzuweisen, sie zu beurteilen und zu verbessern. Das ist einfacher gesagt als in der Praxis getan – gerade angesichts komplexer Lieferketten in Branchen von Textil bis Elektronik. Von der Digitalisierung erhoffen sich viele eine Lösung dieses Problems. Insbesondere der so genannte ‚Digitale Produktpass‘ weckt dabei Fantasien und ist bei Textilien sogar bereits im Einsatz. Jetzt hat sich die EuropĂ€ische Union dieses Themas angenommen.

Am einfachsten sehen wir Verbraucher das Problem im Supermarkt: Dort stehen meist ein Orangensaft mit Fairtrade- und einer mit Bio-Siegel im Regal. Beides zusammen? Fehlanzeige. Denn trotz der inzwischen auf mehr als 1.000 Varianten angewachsenen Siegel und Labels: Jedes einzelne hat Grenzen, und jedes muss einzeln bewertet werden mit Blick auf die Aussagekraft.

Gleichzeitig ist es angesichts komplexer Lieferketten schwierig fĂŒr Unternehmen, Aussagen zur Nachhaltigkeit ihrer Produkte eindeutig mit nachprĂŒfbaren Fakten zu belegen. Dabei wird das immer mehr gefordert, insbesondere von Investoren. Zudem lauert stĂ€ndig die Gefahr, sich ohne fundierte Nachweise Greenwashing-VorwĂŒrfen auszusetzen. Und am Ende des Lebenszyklus ist es oft herausfordernd, verwendete Materialien im Kreislauf zu halten, da Details ĂŒber Rohstoffe und verbaute Teile nicht immer vorliegen. Hier können in Zukunft digitale Anwendungen helfen.

EU Strategic Foresight Report

Die europĂ€ische Union denkt Nachhaltigkeit und Digitalisierung bereits zusammen. Im Sommer 2022 veröffentlichte die Gemeinschaft ihren neuen Strategic Foresight Report zum so genannten ‚Twinning‘ der gleichzeitig ablaufenden grĂŒnen und der digitalen Transformation. Denn diese können sich gegenseitig beeinflussen und verstĂ€rken – allerdings auch einander im Weg stehen.

Chancen sieht die EU besonders in den Bereichen Energie, Verkehr und Transport, Industrie, Bau, sowie fĂŒr die Landwirtschaft. Das mögliche Einsatzgebiet ist riesig: Denkbare Anwendungen fĂŒr mehr Nachhaltigkeit reichen von Satellitendaten fĂŒr Energiesicherheit, einer neuen Generation von Batterien oder kĂŒnstlicher Intelligenz im Verkehr und so genannten Digital Twins in der Produktion bis hin zum Einsatz von Quantencomputern und Bioinformatik in der Agrarwirtschaft.

DigitalitÀt als Nachhaltigkeitsrisiko

Im Weg könnte die fortschreitende Digitalisierung der Nachhaltigkeit stehen, weil digitale Technologien zunĂ€chst auch Ressourcen beanspruchen. Derzeit verbrauchen sie beispielsweise fĂŒnf bis neun Prozent des weltweit produzierten Stromes. Mit Bitcoin war deshalb die prominenteste Blockchain-Anwendung bereits in die Kritik geraten. Im Februar 2022 ĂŒbertraf der geschĂ€tzte Energieverbrauch fĂŒr die Herstellung (‚Mining‘) der virtuellen WĂ€hrung den jĂ€hrlichen Strombedarf von LĂ€ndern wie der Ukraine, Österreich oder der Schweiz. Hier wird es darauf ankommen, wie grĂŒn die digitale Infrastruktur bereitgestellt werden kann – etwa ĂŒber klima-neutral auf Basis erneuerbarer Energien betriebene Rechenzentren.

Genau die den Bitcoins zugrundeliegende Blockchain-Technologie könnte aber auch das Label-Dilemma im Supermarkt lösen. In einer Blockchain werden generell verschlĂŒsselte DatensĂ€tze in Blöcken zu digitalen Ketten beliebiger LĂ€nge aneinandergereiht und mit Zeitstempel und Transaktionsdaten identifiziert. In jedem neuen Schritt werden die frĂŒheren Transaktionen geprĂŒft und bestĂ€tigt – und so eine unentdeckte Manipulation oder Löschung eines einmal gesicherten Datensatzes praktisch unmöglich gemacht. Das macht die Blockchain zu einem Datentresor.

Blockchain als Datentresor

Diese Technologie könnte in Zukunft fĂŒr mehr Transparenz im Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen sowie fĂŒr die Verbraucherinnen und Verbraucher sorgen – und nebenbei etwa auch das Recycling verbessern, weil Verwerter bessere Informationen vorliegen haben. ‚Digitaler Produktpass‘ lautet hier das Stichwort. Ein solcher braucht zwar die Blockchain nicht unbedingt. Diese erlaubt es aber, Produktdaten unabhĂ€ngig von einzelnen Anbietern allen öffentlich zugĂ€nglich zu machen. Und das macht sie fĂŒr diese Anwendung besonders attraktiv.

Ein digitaler Produktpass bĂŒndelt dabei als virtuelles Ausweisdokument alle relevanten Informationen zu einem Produkt: Verwendete Materialien, Chemikalien, Informationen zu Reparierbarkeit oder fachgerechtem Recycling. Besonders spannend: Der gesamte Lebenszyklus eines Produktes wird im Idealfall erfasst, von der Gewinnung der Rohstoffe, ĂŒber die Fertigung bis zum finalen Produkt. Das bedeutet, dass Unternehmen auch Details wie Arbeitsbedingungen oder UmweltvertrĂ€glichkeit der Herstellung direkt digital mit dem Produkt verbinden können.

Digitale ProduktpÀsse in der Textilbranche

Die Textilwirtschaft ist eine der Branchen, fĂŒr die Experten ein besonders vielversprechendes Anwendungsgebiet sehen. Vielen Beobachtern ist beispielsweise Rana Plaza noch immer ein Begriff. Diese fĂŒr internationale Marken tĂ€tige Textilfabrik in Bangladesch stĂŒrzte im Jahr 2013 in sich zusammen und begrub mehr als tausend Menschen unter den TrĂŒmmern ihrer acht Stockwerke. Dieser bisher grĂ¶ĂŸte Unfall der Textilbranche warf ein harsches Licht auf die damaligen Arbeitsbedingungen und die zu jener Zeit herrschenden Sicherheitsstandards.

Was also, wenn ĂŒber einen digitalen Produktpass nachgewiesen werden könnte, dass eine Jeans unter möglichst guten und nachhaltigen Bedingungen produziert wurde? Mit Blick auf die Verbraucherinnen und Verbraucher arbeitet beispielsweise Zalando genau hierfĂŒr seit Ende 2020 mit Eon zusammen, um bei Teilen seiner Eigenmarke ĂŒber eine so genannte digitale ID Kunden eine bewusste und kreislauforientierte Entscheidung zu ermöglichen. Per QR-Code gelangen Verbraucher auf eine Produktseite, die Informationen zu Herstellung und Pflege bereithĂ€lt.

The Movement: Transparentes Baumwollrecycling

Einen Schritt weiter geht zum Beispiel The Movement. Das niederlĂ€ndische Start-Up konzentriert sich seit zwei Jahren auf recycelte Baumwolle fĂŒr die Textilbranche. Hier fĂŒllt The Movement eine wichtige Transparenz-LĂŒcke: Mit den derzeitigen Zertifizierungssystemen ist es bisher möglich, etwa auf den Transportwegen der recycelten Baumwolle neue Fasern unterzumischen.
Um 100% Recycling nachzuweisen, fĂŒgt das CleanTech-Unternehmen den recycelten Fasern einen so genannten Tracer aus nach eigenen Angaben umweltfreundlichen Partikeln hinzu. FĂŒr das daraus produzierte Garn wird ein digitaler Zwilling (‚Digital Twin‘) erstellt. Impact-Daten stellt der Lieferketten-Experte Made2Flow bereit, der auch mit der globalen Initiative Fashion for Good zusammenarbeitet. Dieser Digital Twin wird anschließend in der Blockchain gespeichert. Sollen die Daten ausgelesen werden, erfasst ein Handscanner den Tracer im realen Stoff und stellt die Verbindung zum Digital Twin her. So lĂ€sst sich jederzeit prĂŒfen, ob die Stoffe tatsĂ€chlich aus dem ursprĂŒnglichen recycelten Material entstanden sind – inklusive der gespeicherten Informationen zu Hersteller und Einfluss auf die Umwelt. Verbraucher können damit den gesamten Weg des Produktes bis zum Ausgangsmaterial zurĂŒckverfolgen und Details zur Nachhaltigkeit abrufen.

Kunden sind beispielsweise das niederlĂ€ndische Unternehmen Xindao, die den Tracer in ihren nachhaltigen Werbegeschenken einsetzt, der Corporate Fashion-Anbieter Schijvens oder die Modemarke Armed Angels. Diese drei Unternehmen verbindet, dass sie sich als nachhaltig und mit Blick auf eine Kreislaufwirtschaft positionieren. Der Tracer unterstĂŒtzt ihre GlaubwĂŒrdigkeit, indem er Transparenz in der textilen Lieferkette durch akkurate Daten ermöglicht.

Zu viele unterschiedliche Systeme

So attraktiv das Konzept und so vielversprechend erste Anwendungen sind – ein solcher digitaler Produktpass hat derzeit mindestens einen Haken: Es gibt noch keine konkreten Konzepte, wie ein solcher umfassender Produktpass in Zukunft ausgestaltet und implementiert werden soll. Viele Organisationen und Unternehmen arbeiten an ihren eigenen Systemen. Und nicht jedes setzt auf die öffentlich zugĂ€ngliche Blockchain. Auch welche Daten gespeichert und ĂŒbermittelt werden, ist bislang jedem Anbieter selbst ĂŒberlassen. Das bedeutet eine potenzielle Gefahr fĂŒr eine echte Transparenz: Wie können wir sicher sein, dass die gesammelte und ĂŒbermittelte Information des Produktpasses relevant ist und vor allem auch der RealitĂ€t entspricht? Und wer erhĂ€lt auf welche Weise und fĂŒr wie lange Zugang zu den Daten?

Das Potenzial ist erkannt, die Herausforderung auch: Neben der EuropĂ€ischen Kommission hat sich etwa die deutsche Bundesregierung ins Aufgabenbuch geschrieben, digitale ProduktpĂ€sse einzufĂŒhren. Und auch hierzulande ist den Beteiligten bewusst, dass es ohne Standards nicht geht: „Anforderungen an Produkte mĂŒssen europaweit im Dialog mit den Herstellern ambitioniert und einheitlich festgelegt werden“, heißt es im Koalitionsvertrag der Bundesregierung.

Im Herbst 2022 hat die EuropĂ€ische Kommission aus genau diesem Grund nun das Projekt Cirpass offiziell gestartet. Diese auf 18 Monate ausgelegte kollaborative Initiative ist Teil des Digital Europe-Programms, das BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern, Unternehmen und der Verwaltung in Europa Zugang zu neuen digitalen Technologien ermöglichen will. In einem aufwĂ€ndigen Stakeholder Engagement-Projekt sollen im Konsens Prototypen eines digitalen Produktpasses entstehen, die kĂŒnftig einen Standard fĂŒr alle bieten. Das geschieht auch mit Blick auf den Circular Economy Action Plan, der 2020 als Teil des European Green Deal verabschiedet wurde.

Im Fokus stehen zunĂ€chst Batterien, Elektronik, und Textilien. Mit dabei sind beispielsweise die Global Battery Alliance, circular.fashion mit ihrer circularity.ID, das Global Textile Scheme oder KEEP, eine Initiative der Elektroindustrie. Aus Deutschland sind beispielsweise das Fraunhofer-Institut fĂŒr ZuverlĂ€ssigkeit und Mikrointegration, die SAP oder das Deutsche Institut fĂŒr Normung e.V. (DIN) mit an Bord. ErklĂ€rtes Ziel ist es, mithilfe der gemeinsam entwickelten Prototypen den Übergang zu einer nachhaltigeren Kreislaufwirtschaft in Europa zu unterstĂŒtzen und grĂ¶ĂŸere Transparenz fĂŒr Verbraucher und Hersteller zu schaffen – im Sinne der Umwelt.

Vielleicht lassen sich auf Basis eines solchen Standards in Zukunft selbst im Supermarkt alle Nachhaltigkeitsinfos zum Orangensaft abrufen – fĂŒr jeden frei und öffentlich zugĂ€nglich.

Daniel Silberhorn

Daniel Silberhorn
ist Senior Advisor ESG & Sustainability Transformation bei SLR Consulting in Frankfurt am Main

 

 

 

(1) Daten zu Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (UnternehmensfĂŒhrung)

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Verantwortung im Umbruch Copyright © 2022 by Daniel Silberhorn is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License, except where otherwise noted.

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