Tafeln unter Druck

Nachhaltigkeit contra Nothilfe?

Achim Halfmann

Foto: Joel Muniz auf Unsplash

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, steigende Energiekosten, Inflation und der Preisanstieg im Lebensmitteleinzelhandel: Was die einen finanziell schmerzt, wirkt fĂŒr andere existenzbedrohend. Das bekommen auch die Tafeln zu spĂŒren, die rund zwei Millionen Menschen regelmĂ€ĂŸig mit Lebensmitteln unterstĂŒtzen: „Wir verzeichnen seit Jahresbeginn 50 Prozent mehr Kundinnen und Kunden“, sagte Jochen BrĂŒhl, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln, der „Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung“. Zugleich gebe es einen spĂŒrbaren RĂŒckgang der Lebensmittelspenden. „Handelsunternehmen versuchen, weniger zu verschwenden und ihre Ware kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum oder mit kleinen Schönheitsfehlern ĂŒber Rabattaktionen noch zu verkaufen“, so BrĂŒhl.

Das Problem kennt auch Renate Zanjani von der Tafel Niederberg der Bergischen Diakonie. Wurden in der Stadt WĂŒlfrath zu Jahresbeginn etwa 60 Menschen zweimal pro Woche mit Essen versorgt, so sind es jetzt am Jahresende ĂŒber 100. Zu den Tafeln kommen Menschen ohne Arbeit – viele darunter chronisch erkrankt – ebenso wie Geringverdiener und Senioren. „Die Tafeln sind immer ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Zanjani.

Wenn Anfang 2023 die Abschlagrechnungen auf Energiekosten rausgehen, rechnet die Diakonieexpertin mit einer deutlich steigenden Zahl an Hilfesuchenden. „Die Sorge vor den JahresabschlĂ€gen ist hoch.“ Dabei stehen die Tafeln mit ihren Angeboten bereits durch die hohe Zahl der GeflĂŒchteten aus der Ukraine unter Druck. Anders als ein Drittel der Tafeln konnten die Niederberger einen Aufnahmestopp bisher vermeiden.

Weniger Lebensmittelspenden

Paradoxerweise ist es das Nachhaltigkeitsengagement der SupermĂ€rkte, das zu einer Reduzierung der Lieferungen an die Tafeln beitrĂ€gt. Mit Umdisponierungen wird Lebensmittelverschwendung verhindert. Kurz vor dem Verfall werden Lebensmittel mit Rabattaktionen wie „Kaufen Sie eine RettertĂŒte“ an den nachhaltigkeitsbewussten Kunden gebracht. FĂŒr die Tafeln bleibt dann weniger ĂŒbrig.

Auch Plattformen wie foodsharing.de mit dem Motto „verwenden statt verschwenden“ spielen hier eine Rolle. Mit foodsharing bestehe seit zwei Jahren eine gute Kooperation, berichtet Zanjani. Dort gelte „Tafel first“.

Seit 1993 sind die Tafeln in Deutschland aktiv: es gibt sie ebenso in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern und den USA. Der Dachverband Tafel Deutschland e.V. vertritt landesweit rund 960 Tafeln. Etwa 60.000 Helfer:innen sind dort engagiert. Kritiker der Tafeln bemĂ€ngeln, dass dieses Angebot den Druck zur Schaffung gerechterer gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse verringert. Angesichts steigender Nachfrage und eines sich reduzierenden Angebotes ist die Zukunft der Tafel-Arbeit offen. „Was bringt uns das nĂ€chste Jahr? Ich weiß es noch nicht“, sagt Zanjani. Auf jeden Fall wollen die Niederberger Tafeln alles daransetzen, einen Aufnahmestopp weiter zu verhindern.

Achim Halfmann
ist Journalist und MedienpÀdagoge (M.A.) und arbeitet insbesondere zu Themen der digitalen Verantwortung von Bildungsinstitutionen und Unternehmen.
achim@2mind.org

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Verantwortung im Umbruch Copyright © 2022 by Achim Halfmann is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License, except where otherwise noted.

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